Leben und Sterben in Kotalghosha

Eine Geschichte aus dem ländlichen Indien

Eine junge Mutter stirbt unmittelbar nach der Geburt einen mysteriösen Tod, um den sich niemand kümmert. Nicht einmal der Vater. Ob das Neugeborene überleben wird, ist ungewiss. Die Geschichte gibt einen Einblick in das Alltagsleben eines armen indischen Dorfes.

 

Text und Fotos Peter Jaeggi aus Kotalghosha, Westbengalen (Indien)

 

 Mitten in der Nacht vor dem Heiligen Abend reisst mich ein lautes Rattern aus dem Schlaf im Bauerndorf Kotalghosha, in dem um diese Zeit höchstens Eulen oder bellende Hunde die Ruhe durchbrechen. Jetzt ist es der typische Lärm eines jener Dreiräder, die aus alten Töffs zusammengebastelt und hinten mit einer hölzernen Ladefläche versehen sind. Das Geräusch fällt umsomehr auf, als dass es im Dorf keinen einzigen Traktor und nur gerade ein einziges Auto gibt. Ich bin hier zu Gast bei meinen Freunden Sushil Bhattacharya und seiner Frau Ruth Wäfler Bhattacharya, die hier und in Bern eine Yogaschule betreiben.

 

Als das Geräusch verstummt, ist ein Herz zerreissendes Weheklagen zu vernehmen. Auf der Ladefläche liegt die Leiche der jungen Lalan Bauri. Eine ihrer Grosstanten trägt ein Neugeborenes, eingewickelt in Tücher.

 

Abends um 19.10 Uhr gebar Lalan Bauri einen Jungen. Gewicht zwei Kilogramm. So steht es auf dem Geburtsschein des Spitals, einem handschriftlich ausgefüllten Fresszettel. Der andere Fresszettel ist der Totenschein der Mutter. Patienten-Nummer 6203. 21 Jahre alt. Gestorben um 20.30 Uhr. Als Todesursache steht laienhaft: «Herzstillstand». Später erfahren wir, dass Lalan Bauri erst 17 war.

 

Das Spital steht im Bezirk Birbhum in der Stadt Labpur. Der unansehnliche gelbe Betonklotz ist ein grauenhaft schmutziger Ort. Halb zerfallene Eisenbetten. Dreckige, löcherige Matratzen und noch schmutzigere Bettlaken. Überfüllte Zimmer. Fast ohne Tageslicht. Hier möchte man nicht leben und nicht sterben. Entsprechend seines Innenlebens scheinen die Dienstleistungen dieses Ortes zu sein.

 

Die Mutter, schlecht ernährt, eine bedauernswerter Mensch, der nur aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, kommt zwei Tage vor der Geburt ins heruntergekommene Krankenhaus. Sie erhält nichts, womit ihr geschwächter Körper wenigstens ein bisschen hätte gestärkt werden können.

 

Nach etwas über einer Stunde nach der Geburt nässt sie ihr Bett. Sie steht auf, will zur Toilette, um sich zu reinigen. Dann bricht sie tot zusammen. So erzählt es eine Verwandte, die dabei war.

 

Es sei halt ein «Unfall» gewesen, sagt mir die Ärztin Soma Samanta, als ich anderntags zusammen mit Ruth und Sushil der Geschichte nachgehe. Der Arzt einer Nachbarstadt sagt mir, es handle sich hier zweifellos um einen unnatürlichen Tod, der untersucht werden müsste. Doch das Dienst habende Personal in Labpur schickt die Verwandten samt der toten Mutter und dem Neugeborenen einfach nach Hause. Vor neun Jahren starb bereits eine ältere Schwester von Lalan Bauri. Niemand merkte, dass sie an Tuberkulose litt.

 

Der Leichnam wird noch am selben Tag auf dem Verbrennungsplatz des Dorfes kremiert, so wie es bei den Hindus Brauch ist. Die Verantwortlichen des Schmuddelspitals in Labpur dürfen sich freuen: es wird nie eine gerichtsmedizinische Untersuchung dieses Todesfalles geben können.

 

Das Krankenhaus schickt in dieser Nacht die Verwandten auf die schmerzliche Reise ins Dorf, ohne dass das Kind nach der Geburt gewaschen worden wäre. Die ersten sieben Tage dürfe man ein Neugeborenes nicht waschen, sagt und Medizinalpersonal des Hospitals! Ich werde wütend und frage die Ärztin etwas unhöflich, wo sie denn ihren Beruf gelernt habe. Die Begleitpersonen erhalten vom Spitalpersonal weder einen Rat, wie das Kind nun ohne Mutter zu ernähren sei, noch die Information, dass sie Anrecht auf ein Kleidchen, ein Moskitonetz und ein paar Rupien haben. Im Dorf baden wir das Kind erst einmal im Haus von Sushil und Ruth.

 

Dann das Naheliegendste: Gemeinsam mit Ruth und Sushil versuche ich, im Dorf Mütter zu finden, die derzeit ein eigenes Baby mit Muttermilch versorgen. Doch da stellt sich ein seltsamer Aberglaube in die Quere. Ein Neugeborenes sei 21 Tage lang «unrein». Deswegen dürfe es von keinem anderen Menschen als von der eigenen Mutter berührt werden, erzählen mir die Frauen im Dorf.

 

An diesem Tabu scheitert ein erster Versuch, stillende Mütter dazu zu bewegen, das kleine Menschlein mit zu säugen. Dann können wir Chaya, die leitende Krankenschwester des Horrorspitals, dazu zu bringen, ins Dorf zu kommen, um mit den Müttern zu sprechen. Derweil wird der Säugling mit verdünnter Kuhmilch und Zuckerwasser gefüttert.

 

Da es heute auch im entlegensten indischen Dorf Mobiltelefone gibt, frage ich per SMS im Bürgerspital Solothurn nach. Die Oberärztin Eva Maria Kifmann rät, keine Kuhmilch zu verwenden, diese sei für ein so kleines Kind schlecht verträglich. Ziegenmilch solle es sein, da proteinhaltiger und besser verdaulich. Und besser sei es, dem Neugeborenen am allerersten Tag überhaupt keine Tiermilch zu geben, sondern lediglich warmes Wasser. Natürlich abgekocht.

 

Gegen Abend trifft Schwester Chaya ein, eine grosse, ältere Dame in einem dunkelblauen Sari. Eine Frau mit grosser Ausstrahlung und jemand, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Es gelingt ihr tatsächlich, eine der stillenden Frauen dazu zu bewegen, den neuen Erdenbürger mitzufüttern. Dies wird als kleines Wunder betrachtet. Nie zuvor hatte eine Frau das 21-Tage-Tabu durchbrochen.

 

Ach ja. Der Vater. Eine andere eine traurige Geschichte. Weil er eine verlangte Nachzahlung zur Mitgift nicht erhielt – die beiden waren erst zehn Monate verheiratet – zerstritt er sich mit der Familie seiner Braut und sie büsste es mit seinen Schlägen. So wird es im Dorf berichtet. Am Todestag seiner Frau erscheint er erst, als sie bereits auf einer Bambusbahre neben dem Verbrennungsplatz liegt, bedeckt mit einem lilafarbenen Sari. Keine einzige Rupie bezahlt er für die Aufwendungen der Zeremonie. Nicht der leiseste Anflug von Trauer ist bei ihm auszumachen. Auf meine Frage, ob ihn der Tod seiner Frau denn überhaupt nicht berühre, zuckt er nur mit den Schultern. Auf dem Kremationsplatz spielen sich unwürdige, hässliche Szenen ab. Der Mann, um die 30, wird von Dorfbewohnern aufs Übelste beschimpft. Niemand versteht sein Verhalten. Er freue sich wohl darüber, bald eine andere heiraten zu dürfen, spottet einer.

 

Am Tag danach findet die Tragödie ihre Fortsetzung. Die Mutter, die dem fremden Neugeborenen ihre Brust gab, ist verschwunden. Möglicherweise war sie dem Druck der anderen Frauen nicht gewachsen, den sie mit ihrem Tabubruch auslöste. Auf jeden Fall lässt sich keine weitere Frau finden, die sich als Amme anbietet.

 

Lalan Bauri wohnte zusammen mit ihrer Familie am Dorfrand in einem sehr ärmlichen, kleinen Lehmhaus. Wer in einem indischen Dorf an der Peripherie wohnt, steht auch im Leben am Rand. Denn an den Dorfrändern sind stets die Dalits angesiedelt, die so genannten Unberührbaren, wie man ihnen früher sagte. Das grausame, Menschen verachtende Kastensystem verhindert, eine Frau aus einer höheren Kaste zu finden, die das Kind stillt. – Bisher hat es keine indische Regierung geschafft, das Kastensystem zu eliminieren; obschon in der Verfassung dessen Verbot verankert ist.

 

Das kleine Kindchen, das noch keinen Namen trägt, ist von einer Grosstante aufgenommen worden, die selber mehrere Kinder hat. Bei meinem letzten Besuch sagt sie: «Sie können den Buben haben; bitte nehmen Sie ihn mit!» Dahinter steckt nicht etwa die Verachtung für das Baby, sondern die grenzenlose Armut dieser Menschen. Auch die Grosstante lebt im ärmlichen kleinen Lehmhaus. Die hygienischen Bedingungen sind denkbar schlecht. Ob das Überleben gelingen wird, ist ungewiss.

 

 

Kotalghosha

Kotalghosha mit seinen etwas über tausend Einwohnern ist ein typisches indisches Bauerndorf. Die meisten Menschen leben unter der Armutsgrenze und müssen mit weniger als einem Franken pro Tag auskommen. Fast alle Häuser sind aus Lehm und mit Reisstroh bedeckt. In den staubigen Strässchen tummeln sich neben auffällig vielen Kindern vor allem Kühe, Ziegen, Enten, Hunde, Hühner und Enten. Bauern transportieren ihre Reisernte auf Ochsenkarren. Frauen klatschen Kuhdung zum Trocknen an die Hauswände, der als Brennstoff für die Feuerstelle in der Küche dient. Die Teiche des Dorfes dienen als Badewanne, dem Geschirrabwasch und allen anderen Reinigungen. Palmen und Mangobäume überragen die Häuser. Auffallend sind die vielen Vogelarten. Im Moment ist die Zeit des Reisdreschens – in Handarbeit, wie alles hier.

 

L e t z te r   A k t   d  e r   T r a g ö d i e:  

D a s   K  i n d c h e n   i s t   t o t
Eben erreicht mich die traurige Nachricht, dass das kleine Kindchen heute Freitag (31.12.2010) gestorben ist. Nachforschungen haben ergeben, dass die Grosstante dem Neugeborenen statt Ziegenmilch, obschon reichlich vorhanden, doch Kuhmilch gab. Auch ging sie Tage zu vor nicht zu einem vereinbarten Arztternin mit dem Kind. Und auch dieser Tod wird nie untersucht werden. Das Kind wurde heute in der Nähe des Kremationsplatzes von Kotalghosha begraben. Wir sind alle sehr traurig.

 

 

 

 

S P E N D E N

Wer den Benachteiligten von Kotalghosha helfen möchte, benutzt das untenstehende Konto. Ruth Wäfler Bhattacharya und Sushil Bhattacharya, meine besten Freunde, haben hier bereits vor Jahren ein kleines Hilfswerk für Bedürftige ihres Dorfes eingerichtet und zum Beispiel einige Häuser gebaut sowie dringende Operationen finanziert. Administrative Kosten tragen die beiden selber. Mehr Informationen unter www.saptayoga.com (in Englisch).


Hilfsprojekt Kotalghosha

Bank Coop

Ruth Wäfler Bhattacharya

Vermerk: Kotalghosha

Postcheck 40-8888-1

Konto 758055.30.01.30-9

IBAN CH 1108440758055300130

 

 

(Erschienen im «Der SONNTAG» Jan. 2011)



Unterwasserlärm

tötet

Bild in den Weltraum geschossen

Zusammen mit Roland Schmid und Magnum-Fotografen realisierte ich im Jahr 2000 das Buch sowie internationale Ausstellungen mit dem Titel «Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig». Eine Dokumentation über die Spätfolgen des Chemiewaffeneinsatzes im Vietnamkrieg, erschienen bei Lenos.

 

Eines von Roland Schmids Bildern, das im Buch publiziert ist (siehe oben), wurde zusammen mit 99 andern Fotografien am 20. November 2012 an Bord des Kommunikations-Satelliten EchoStar XVI in den Weltraum geschossen. Dies im Rahmen eines Projektes des amerikanischen Künstlers und Geografen Trevor Paglen. Auf einer speziell beschichteten CD mit dem Titel «The Last pictures» steht unser Bild nun für eine Ewigkeit in rund 35 000 Kilometern Höhe geostationär im Weltall.

 

Mehr zum Projekt hier.

Der EchoStar XVI

Sesseli hören

Agent Orange

Auch fast 40 Jahre nach dem Ende des letzten Vietnamkrieges: Noch immer leiden Hunderttausende von Menschen an den Spätfolgen des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels «Agent Orange». Die USA setzten diese Chemiewaffe ein, um Wälder zu entlauben, in denen sich der Gegner fortbewegte.


Mehr hier.

«Man denkt,

ein Kind kann

nicht sterben»

Wenn ein Familienmitglied von einer schweren Krankheit heimgesucht wird, dann trifft es die ganze Familie. Vor allem Kinder müssen mit schwierigen Gefühlen zurechtkommen. «Man denkt, ein Kind kann nicht sterben», sagt zum Beispiel Bettina, die eine Schwester an Leukämie verloren hat. In dieser Sendung von Peter Jaeggi erzählen Kinder und Erwachsene, wie sie die Krebserkrankung eines Elternteils oder von Geschwistern erleben oder erlebt haben. Was besonders schwer war, was ihnen dabei geholfen hat und was sie an Erfahrungen mitnehmen.

 

Schweizer Radio DRS

 

Hier hören 

Wicca –

Die Religion

der Hexen

«Wissen»

Radio SWR2

Sie nennen sich Hexen und ihr wichtigstes Ziel ist es, der Natur und andern Gutes zu tun. Wiccas glauben, dass eine schlechte Tat dreifach auf einen zurückfalle. Wenn sie sich zu ihren Festen treffen, ziehen sie einen magischen Kreis um sich. – Das Wiccatum, ist die verbreitetste neuheidnische Bewegung. Die «Hexenreligion» ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in England entstanden und ist Mixtur aus vorchristlichen, ägyptischen, indianischen und anderen Elementen. Die meisten Wiccas beziehen sich jedoch auf das Keltentum. Ihre Mitglieder sind davon überzeugt, dass Magie existiert und sie praktizieren sie auch. Im Zentrum dieses Hexenglaubens stehen eine weibliche und eine männliche Gottheit, die gleichgestellt sind. Eine sehr reichhaltige Ritualwelt und die Orientierung an Mondphasen und Jahreszyklen sind wichtige Bestandteile des Wiccatums. – In dieser Sendung von Peter Jaeggi treten auf: ein Hexenehepaar samt einiger ihrer Rituale, Wiccaforscherinnen und ein Sektenbauftragter der katholischen Kirche.

 

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Traumpfade

der australischen

Ureinwohner

Schweizer Radio DRS1

«Doppelpunkt»

 

Die «Traumzeit» der Aborigines, der australischen Ureinwohner, gehört zu den faszinierendsten, geheimnisvollsten und komplexesten Schöpfungsmythen der Menschheit. Über dem fünften Kontinent liegt ein imaginäres Netz von Traumpfaden, auf denen sich Schöpfungswesen bewegen. Sie geben den Menschen die Seele und holen sie nach dessen Tod zurück. Felsen, Wasserlöcher, Berge und Flüsse: seit vermutlich 60 000 Jahren sind sie den Aborigines heilige Kultstätten. Dabei ist «Traumzeit» eher eine Vorstellung des weissen Mannes. In den Sprachen der Aborigines-Stämme existiert weder dieser Begriff, noch die Vorstellung, die er vorgibt. Die «Traumzeit», das Schöpfungsgeschehen, kennt nämlich weder Anfang noch Ende.

Was die Traumzeit wirklich ist, was es mit der Regenbogenschlange auf sich hat und von den Albträumen der Aborigines erzählt diese Sendung von Peter Jaeggi.

 

 

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